Tetrapak-Radierung zu Hause: Geht Tiefdruck auch ohne Druckerpresse?
Wer den Tetrapak- oder Milchtütendruck ausprobieren möchte, findet inzwischen eine ganze Reihe von Videos und Anleitungen. Besonders spannend ist dabei, wie unterschiedlich mit dem Material gearbeitet werden kann: als Tiefdruck beziehungsweise Radierung, aber auch als Hochdruck, ähnlich einem Linol- oder Stempeldruck.
Nicht jede Methode benötigt eine Druckerpresse. Gerade für erste Experimente lässt sich der Druck auch mit einfachen Mitteln zu Hause von Hand abnehmen.
Zwei besonders hilfreiche Videos für den Einstieg ohne Presse
Das Video Tetra Pak Printmaking at Home (NO PRESS!) | Easy DIY Drypoint from Milk Cartons konzentriert sich ausdrücklich auf das Arbeiten ohne Druckerpresse und ist deshalb für diesen Versuch besonders interessant.
Die Formen werden zunächst mit einer Schere aus dem Getränkekarton geschnitten und anschließend mit einer Metallspitze bearbeitet. Einige Bereiche der Beschichtung werden entfernt, andere mit Sandpapier bearbeitet oder mit Malerkrepp abgeklebt. Nach dem Einfärben wird die Farbe mit einem alten Geschirrtuch in kreisenden Bewegungen von der Oberfläche abgewischt.
Für den Druck wird normales Papier angefeuchtet, auf die Druckplatte gelegt und mit einem Schutzpapier bedeckt. Anschließend wird der Druck mit einem Suppenlöffel von Hand abgerieben.
Die Anleitung Tetrapak printmaking without a press! zeigt ebenfalls sehr schön, wie sich die Platte ohne besondere Ausstattung bearbeiten und anschließend von Hand drucken lässt. Die Tetrapak-Platte wird zunächst geritzt, anschließend werden einzelne Bereiche mit einem Skalpell oder Messer abgelöst.
Die Farbe wird mit einem Malermesser aufgetragen, mit einem Stück Stoff von den Flächen wieder abgewischt und einzelne Stellen werden mit einem Wattestäbchen zusätzlich poliert. Zum Abnehmen des Druckes werden eine Schutzlage und verschiedene Werkzeuge für den Handabrieb verwendet – unter anderem der Boden eines kleinen Gewürzglases und anschließend ein Löffel für einzelne Bereiche.
Gerade diese Kombination verschiedener Werkzeuge ist für das Arbeiten ohne Presse interessant: Es muss nicht unbedingt ein einziges perfektes Werkzeug geben. Vielleicht funktioniert eine Mischung aus großflächigem Reiben und gezieltem Nacharbeiten sogar besser.
Was kann man ohne Presse realistisch erwarten?
Die Beispiele zeigen: Ein Tetrapak-Tiefdruck ist auch ohne klassische Druckerpresse möglich. Man sollte allerdings keine völlig identischen Ergebnisse erwarten.
Der Druck von Hand kann ungleichmäßiger werden. Besonders große Flächen und sehr feine Details sind schwieriger gleichmäßig zu übertragen, weil der notwendige Druck nicht überall exakt gleich stark ausgeübt werden kann.
Gleichzeitig liegt genau darin vielleicht auch ein Teil des Reizes. Die etwas unregelmäßigen Ergebnisse, unterschiedlichen Druckstärken und sichtbaren Spuren des Handabriebs können dem Druck einen eigenen Charakter geben.
Wer zu Hause experimentieren möchte, kann deshalb mit relativ einfachen Mitteln anfangen:
- leere Getränkekartons
- Kratznadel oder andere Metallspitze
- Skalpell oder Bastelmesser
- Sandpapier
- Tiefdruckfarbe
- Stoff zum Abwischen
- Wattestäbchen für Details
- Papier und eine Sprühflasche oder Wasser zum Anfeuchten
- Schutzpapier
- einen Suppenlöffel oder einen anderen glatten Gegenstand zum Reiben
Eine Druckerpresse ist für die ersten Versuche also nicht zwingend notwendig. Wichtig ist eher, mit Papierfeuchtigkeit, Farbmenge und der Dauer des Handabriebs zu experimentieren.
Das Video Tiefdruck | (Getränkekarton)Radierung | Techniken der Kunst zeigt ebenfalls sehr schön, wie professionell die Ergebnisse mit einer entsprechenden Druckpresse aussehen können. Besonders hilfreich ist, dass hier auch realistische Druckergebnisse zu sehen sind und nicht nur die Theorie der Technik.
Eine klassische Tiefdruckpresse hat natürlich einen entscheidenden Vorteil: Sie erzeugt einen gleichmäßigen, hohen Druck und presst das angefeuchtete Papier tief in die eingeritzten Linien und Vertiefungen der Druckplatte. Aber muss man deshalb auf eine Tetrapak-Radierung verzichten, wenn zu Hause keine Druckerpresse steht?
Ich wollte vor allem herausfinden, was sich mit einfachen Mitteln und Handabrieb erreichen lässt. Und tatsächlich gibt es verschiedene Möglichkeiten, eine selbst gemachte Getränkekarton-Druckplatte auch ohne Presse zu drucken.
Ganz so einfach wie beim Stempeldruck ist es allerdings nicht. Der Handabrieb braucht etwas Geduld, und das Ergebnis kann deutlich ungleichmäßiger ausfallen als ein Druck aus der Presse. Gerade deshalb lohnt es sich, mit unterschiedlichen Werkzeugen, Papierlagen und Techniken zu experimentieren.
Die Druckplatte: Ritzen, Schneiden, Schleifen und Struktur erzeugen
Die Grundlage ist ein leerer Getränkekarton, dessen Innenseite als Druckplatte verwendet wird. Das Material lässt sich erstaunlich vielseitig bearbeiten.
Mit einer Spitze oder Kratznadel können Linien und Zeichnungen direkt in die Oberfläche geritzt werden. Zusätzlich lassen sich einzelne Bereiche mit einem Skalpell oder Messer bearbeiten und Teile der obersten Beschichtung vorsichtig ablösen. Dadurch entstehen Flächen, die die Druckfarbe später anders aufnehmen als die lediglich eingeritzten Linien.
Auch Sandpapier kann verwendet werden, um bestimmte Bereiche aufzurauen oder abzuschleifen. Eine weitere Möglichkeit ist das Abkleben einzelner Flächen mit Malerkrepp.
Gerade die Kombination dieser unterschiedlichen Bearbeitungsmethoden macht den Reiz der Tetrapak-Radierung aus: Man kann mit Linien, Flächen, Strukturen und unterschiedlichen Oberflächen experimentieren, obwohl die Druckplatte aus einem eigentlich sehr einfachen Verpackungsmaterial besteht.
Farbe auftragen und wieder abwischen
Für den Tiefdruck wird die Farbe zunächst in die geritzten Linien und bearbeiteten Stellen eingearbeitet. Verwendet werden kann beispielsweise Intaglio Ink beziehungsweise Tiefdruckfarbe.
Die Farbe lässt sich mit einem Malermesser oder Painter’s Knife auf der Platte verteilen. Anschließend wird sie mit einem Stück Stoff wieder von den glatten Flächen der Druckplatte abgewischt, während möglichst viel Farbe in den Vertiefungen zurückbleibt.
Mit einem Wattestäbchen können einzelne Stellen zusätzlich gezielt gereinigt oder poliert werden. Das ist besonders praktisch, wenn man bestimmte Bereiche der Platte heller halten oder einzelne Details noch einmal herausarbeiten möchte.
Als Unterlage zum Schutz des Arbeitsplatzes eignen sich beispielsweise Zeitungspapier oder alte Telefonbuchseiten – beim Einfärben und Wischen kann es schließlich ziemlich bunt werden.
Der entscheidende Teil: Den Druck ohne Presse abnehmen
Beim Drucken ohne Presse ist der Handabrieb wahrscheinlich der spannendste Teil des Experiments.
Das angefeuchtete Druckpapier wird auf die eingefärbte Platte gelegt und anschließend mit einer zusätzlichen Papierlage geschützt. Nun muss möglichst gleichmäßig Druck auf die gesamte Fläche ausgeübt werden.
Dafür lassen sich erstaunlich unterschiedliche Gegenstände verwenden. In einer der Anleitungen wird zunächst der Boden eines kleinen Gewürzglases eingesetzt, um über die Rückseite des Papiers zu reiben. Anschließend werden einzelne Bereiche mit einem Löffel noch einmal gezielt nachbearbeitet.
In anderen Videos kommt direkt ein großer Suppenlöffel zum Einsatz. Mit seiner Rückseite lässt sich das Papier Stück für Stück kräftig und möglichst gleichmäßig über die Druckplatte reiben.
Hier ist Geduld wahrscheinlich wichtiger als rohe Gewalt: Der Druck muss langsam über die gesamte Fläche verteilt werden, damit möglichst viele der eingefärbten Vertiefungen Kontakt mit dem feuchten Papier bekommen.
Eine interessante Schichtung für den Handabrieb
Auch die Reihenfolge der Materialien kann beim Drucken eine Rolle spielen. Die grundsätzliche Schichtung ist:
Unterlage – Druckplatte – angefeuchtetes Druckpapier – Schutzpapier
Das Schutzpapier verhindert, dass das eigentliche Druckpapier beim Reiben beschädigt wird. Anschließend kann mit Löffel, Glasboden oder einem anderen glatten Gegenstand über die Rückseite gerieben werden.
Bei einem der späteren Vergleichsvideos wird zusätzlich mit einer Lage Moosgummi gearbeitet. Das ist eine interessante Idee, weil das Material helfen kann, den Druck gleichmäßiger über die Oberfläche zu verteilen.
Was verändert eine richtige Druckerpresse?
Die folgenden Videos sind weniger als Anleitung für das Drucken zu Hause ohne Presse gedacht, sondern eher als Vergleich und Ausblick. Sie zeigen ziemlich deutlich, warum professionelle Tiefdruckpressen so gleichmäßige und detailreiche Ergebnisse liefern.
Besonders hilfreich ist dieses Video von Pia Kupferkunst. Sie verwendet eine Big-Shot-Druckpresse, zeigt ab etwa Minute 20 aber auch den Versuch, denselben Druck mit einem Löffel von Hand abzunehmen.
Der Unterschied ist deutlich sichtbar. Der Handabrieb funktioniert grundsätzlich, erreicht aber in diesem Beispiel nicht dieselbe Gleichmäßigkeit wie der Druck mit der Presse. Gerade deshalb ist das Video für das Experiment ohne Presse interessant: Es zeigt ziemlich ehrlich, wo die Grenzen des Handabriebs liegen – und dass man trotzdem brauchbare Ergebnisse erzielen kann.
Auch die Schichtung ist spannend: Mit Moosgummi, Druckplatte, feuchtem Druckpapier und einer zusätzlichen oberen Lage entsteht ein kleiner „Druckstapel“, der anschließend durch die Big Shot läuft.
Wenn man später doch aufrüsten möchte: Big Shot, Nudelmaschine und Co.
Wer nach den ersten Versuchen merkt, dass die Tetrapak-Radierung Spaß macht, muss nicht sofort eine große Tiefdruckpresse anschaffen.
Eine charmante Alternative zeigt Frau Schimpf in ihrem Video Tiefdruck mit der Nudelpresse. Hier wird eine Nudelmaschine als kleine Druckpresse verwendet.
Auch der Blog Papier Direkt zeigt eine Tetrapak-Druckanleitung mit einer Nudelmaschine und erklärt die einzelnen Schritte sehr nachvollziehbar.
Weitere Möglichkeiten mit einer klassischen Druckerpresse zeigen die Videos Drucken mit leerem Milchkarton: Etching / Radierung selbst gemacht / Schritt für Schritt sowie Künstlerisches Drucken – die unglaubliche Entdeckung der Tetrapak Drucke. Letzteres fasst den Prozess ab etwa Minute 12 noch einmal kompakt zusammen.
Bonus: Tetrapak als Hochdruckplatte
Wer beim Experimentieren merkt, dass der Tiefdruck ohne Presse nicht die gewünschte Wirkung erzielt, kann den Getränkekarton übrigens auch ganz anders verwenden: als Hochdruckplatte.
Dabei werden nicht die Vertiefungen gedruckt, sondern die stehen gebliebenen Flächen – ähnlich wie bei einem Linolschnitt oder Stempeldruck. Die Farbe wird mit einer Farbwalze auf die Oberfläche aufgetragen.
Eine besonders schöne Schritt-für-Schritt-Anleitung Milchtütendruck selber machen mit Fotos gibt es bei Frau Friemel.
Weitere Informationen und Ideen finden sich bei Milchtütendruck – Anleitung bei Schuki Klick sowie im Video KunstNatur – Fische, Tetrapack-Druck.

